09.02.2021

Mats Beckmann stellt die Fußballwelt auf den Kopf.

Wie IST-Absolvent Mats Beckmann mit seinem Start-up „CREATEFOOTBALL“ den Profifußball revolutioniert …

… – das ist die Überschrift, die IST-Absolvent Mats Beckmann (23) gerne einmal über sein Start-up „CREATEFOOTBALL“ lesen würde. Und zumindest ist der gebürtige Elmshorner auf einem guten Weg.

Parallel zu seiner IST-Weiterbildung „Performance Analyse Fußball“ gründete der HSV- und Holstein-Fan seine Fußball-Consultancy und eines der tiefgründigsten Informationsportale für Fans. Im Interview spricht Beckmann über überbewertete und unterbewertete Spieler, über das „System Sevilla“ und RB Leipzig – und darüber, warum ihn Wolff Fuss und Co. auf die Palme bringen.

IST: Mats, Du bist erst 23 Jahre alt – und erstellst als Co-Founder von CREATEFOOTBALL trotzdem schon Performance-Analysen für Profispieler und Profiteams. Wie bist Du dahin gekommen?
Mats Beckmann:
Ja, stimmt. Darüber hinaus erarbeiten wir auch noch Konzepte, netzwerken so viel wie möglich und bespielen unser Infoportal zu europäischem Fußball mit fachspezifischem Content. Ich wollte seit der Oberstufe im Sportbusiness arbeiten und habe diesen Traum dann durch viel Arbeit sowie ein Bachelor-Studium und zwei Weiterbildungen umgesetzt.

Wann und wobei hat Dir die IST-Weiterbildung Performance Analyse Fußball schon weitergeholfen?
Beckmann:
Ich habe dadurch weiteres theoretisches, fundiertes Wissen aufgebaut und würde die Weiterbildung wegen der Inhalte und der enormen Flexibilität auf jeden Fall weiterempfehlen.

Deine Hobbys drehen sich komplett um Fußball und Stadionbesuche. Beruflich stehst Du im ständigen Austausch mit Profis und bekommst jede Menge Insights von den Vereinen. Kannst Du auch mal „loslassen“ und abschalten vom Hochglanz- und Hochdruck-Geschäft Fußball?
Beckmann:
Es wird zunehmend schwieriger, um ehrlich zu sein. Ich lese gern, um abzuschalten – gerade jedoch die Biografie von Ancelotti (lacht).

Was gibt Dir Dein Beruf? Was ist Dein „why“?
Beckmann:
Es macht mir wahnsinnig viel Spaß, mir alles selbst zu erarbeiten. Jedes Telefonat, jede Analyse bringt nicht nur mich persönlich, sondern auch CREATEFOOTBALL weiter. Ich glaube zu 100 Prozent an unsere Vision. Auch das Lob aus unserer Community, der unser Content auf Social Media gefällt, ist sehr erfüllend!

Welche Idee steckt hinter Eurem Portal?
Beckmann:
CREATEFOOTBALL haben Quirin Sterr und ich gegründet, da die internationale Fußballwelt in keinem deutschsprachigen Format so umfassend zur Geltung kommt. Häufig wird über die Top-Teams berichtet, jedoch schwimmen viele interessante Vereine unter dem Radar. Die Kernbereiche Vereinsstrategien, Analysen der Kaderplanung und Scouting rücken besonders in den Vordergrund. Hinzu kommt unser starker Datenfokus, um objektiv Performances bewerten zu können. Wir sehen uns als Pioniere des Datenscoutings und wollen bessere Aussagen über Team- und Spielerperformances ermöglichen.

Neue Spielanalysten findet man mittlerweile häufiger als gute neue Fußballer – braucht es noch einen Player in dem Bereich?
Beckmann:
Absolut richtig! Deswegen sehen wir uns auch nicht als Spielanalysten, sondern als Performance Analysten. Der Spielanalyse-Markt wächst stetig, doch im Bereich Datenscouting sind viele Vereine und Agenturen noch … naja, sagen wir mal … traditionell aufgestellt.

Für Fans und Medien sind Eure Daten ein „gefundenes Fressen“. Wie „schmeckt“ Eure Arbeit Profis, Vereinen und Managern, sprich: Wie viel Gegenwind habt Ihr?
Beckmann:
Häufig ist es so, dass Traditionalisten Datenscouting zunächst ablehnen. Weil sie es nicht auf Anhieb verstehen. Wir haben in den vergangenen Monaten eine dreistellige Anzahl Calls getätigt – und es waren sehr kritische Stimmen darunter. Je mehr Verständnis dazu kam, desto aufgeschlossener waren die Leute – und am Ende der Gespräche haben alle den Nutzen erkannt.

Ihr geht richtig tief in die Materie, analysiert beispielsweise das „System Sevilla“ – woher habt Ihr eigentlich die Expertise?
Beckmann:
Gut erkannt, das ist das Besondere an uns. Wir haben beides: Fußball-Expertise, durch Stadionbesuche in über zwölf Ländern der Welt, enormes Wissen über Teams und Spieler – und dazu ein Verständnis für Daten und deren Aufbereitung. Dies ermöglicht es uns, sehr tiefe Einblicke zu geben – verstärkt noch durch unser weltweites Netzwerk.

Apropos Expertise: Wer wird denn dieses Jahr Meister?
Beckmann:
Bayern München. RB Leipzig fehlt ein Top-Stürmer für den ganz großen Wurf und der BVB ist zu inkonstant.

Wer wäre denn ein Top-Stürmer? Oder allgemeiner: Welcher Bundesligaspieler wird denn aktuell völlig überbewertet – und welcher unterbewertet?
Beckmann:
Wenn wir uns die aktuelle Bundesliga-Saison anschauen, dann ist Wataru Endo vom VfB Stuttgart als Mix aus einem Ball Winning Midfielder und einem Deep Lying Playmaker komplett unterbewertet. Seine enorme Zweikampfstärke mit sieben gewonnenen Defensivzweikämpfen und fünf erfolgreichen Tacklings pro Spiel zeichnen ihn aus, im Aufbauspiel ist er der Dreh- und Angelpunkt im Stuttgarter Kombinationsspiel. Seine sechs progressiven Pässe pro Spiel werden nur von Raphael Guerreiro überboten – generell ist dies für einen Spieler, der nicht für einen der Top-Klubs spielt, ein unglaubliches Qualitätsmerkmal, wenn man seine 87 Prozent Passquote hinzuzieht.

Und wer ist eher überbewertet?
Beckmann:
Definitiv Herthas Keeper Alexander Schwolow. Hertha bekam bereits acht Gegentore mehr als erwartet (32 mit Schwolow statt 24.37 xGA), die Save Ratio von 57 Prozent ist mehr als ausbaufähig. Hinzu kommt, dass Schwolow einen extrem niedrigen Wert aufweist, was die Qualität der gehaltenen Schüsse anbelangt (0,05 xG, normal wäre ein Wert bei etwa 0,1). Ergo hält Schwolow viele haltbare Bälle – und wenig darüber hinaus.

Wen würdest Du kaufen – wer ist Dein „Geheimtipp“, der jetzt nicht mehr geheim ist?
Beckmann:
Sven Botman, der 20-jährige Innenverteidiger von OSC Lille, der in sämtlichen Defensivstatistiken überragende Werte aufweist, sowohl quantitativ als auch qualitativ. 75 Prozent Defensivzweikampfquote inklusive 73 Prozent gewonnene Luftzweikämpfe machen ihn zu einem „Defensive Beast“, ein moderner Verteidiger mit gutem Tempo, der unglaublich zweikampfstark ist. Wir vermuten, dass er spätestens 2022 in der Premier League landet.

Dort würde er ohne Frage in einigen der beeindruckendsten Stadien der Welt spielen. Das Stadion ist Dein Lieblingsort – schaust Du denn auch TV, wenn Du nicht live dabei sein kannst?
Beckmann:
Ja, klar. Sky, DAZN und Sportdigital sind meine täglichen Begleiter.

Dann hast Du einen Vorteil: Du siehst die Spieler durch die Datenbrille, wir als Normalfan müssen uns mitunter auf Analysen von Wolff Fuss und Co. verlassen …
Beckmann:
Oh ja. Hier besteht gerade bei den Medien ein enormer Nachholbedarf. Nicht nur bei den Kommentatoren, sondern vielmehr auch bei den TV-Experten, die nur zu gern von einem „guten Spieler“ sprechen. Was zeichnet ihn denn aus? Man kann anhand von Daten alles be- oder widerlegen.

Da scheinen wir einen wunden Punkt getroffen zu haben.
Beckmann:
Allerdings. Subjektive Einschätzungen von Kommentatoren und Experten, die nicht belegt werden, bringen mich auf die Palme.

Ja, das merkt man. Da wirst Du sehr emotional. Was wünschst Du dir für den Fußball der kommenden Jahre?
Beckmann:
Ich wünsche mir, dass viele kleinere Vereine den Nutzen, der in einem innovativen Ansatz wie dem Datenscouting steckt, erkennen und sich dadurch einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Insbesondere für abgestürzte Traditionsvereine kann es höchstspannend sein, diesen nachhaltigen und langfristigen Weg zu gehen und somit Aufbruchsstimmung und mehr Transparenz zu erzeugen.