02.06.2022

„Genug Zeit, die Gehirnzellen auf Vordermann zu bringen“

Als Fußballer hat Marco Höger mehr erlebt als die meisten seiner Berufskollegen. Mit ihm in der Startelf siegte der FC Schalke 04 einst in einem spektakulären Champions-League-Duell im Estádio Santiago Bernabeu mit 4:3 gegen Real Madrid. Er zog mit dem 1.FC Köln in die Europa League ein, stieg aus der Bundesliga ab und wieder auf.

Seit vergangenen Sommer kämpft der inzwischen 32-Jährige nun beim SV Waldhof Mannheim in der dritten Liga um Punkte und Erfolgserlebnisse. Nebenbei absolviert er mit „Performance Analyse Fußball“ bereits seine zweite Weiterbildung am IST-Studieninstitut.

Marco, hat man in der dritten Liga eigentlich mehr Zeit für andere Dinge als Fußball als in der ersten? Zum Beispiel, um sich weiterzubilden ?
Marco Höger:
Leider nicht. Vom Trainingsumfang, den Spielen und den Reisen ist es ziemlich genau dasselbe. Wobei wir ja sogar immer noch mit dem Bus durch Deutschland fahren. Das war in der Bundesliga meistens anders. Also eigentlich habe ich hier weniger Zeit.


Nach Champions League, Europa League und Bundesliga bist Du aktuell bei Waldhof Mannheim in der dritten Liga. War das eine große Umstellung für Dich?
Höger:
Das ist ehrlich gesagt schon ein Unterschied wie Tag und Nacht. In der dritten Liga geschieht viel mehr über den physischen Aspekt, über die Athletik. Die geringere individuelle Klasse der Einzelspieler wird vom Teamgedanken aufgefangen. Und dann sind da noch die Rahmenbedingungen. Es kann schon vorkommen, dass Du auf einem richtigen Acker spielst. Das ist dann schon ein gewaltiger Kontrast zur Bundesliga.

Auffällig ist, dass Du wieder bei einem Traditionsclub bist. Zufall oder für Dich bei der Clubwahl wichtig?
Höger:
Das ist schon ganz klar eine bewusste Sache. Mir war und ist es immer wichtig, bei Traditionsvereinen mit einer gewissen Fanbase zu spielen. Ich kenne das auch gar nicht anders. Das macht einfach mehr Spaß!

Du giltst als sehr bodenständig. Was viele an der dritten Liga reizt, sind die vielen Traditionsvereine. Ist es auch für Dich noch einmal schön, gegen Kaiserslautern, Saarbrücken, Magdeburg, Braunschweig und Co. zu spielen?
Höger:
Klar, das sind noch einmal neue Erfahrungswerte, in diesen Stadien zu spielen. Die Clubs haben auch alle eine große Fanbase – allein schon unser Derby gegen Kaiserslautern war etwas ganz Besonderes. Da ist das Umfeld schon tagelang vorher komplett auf dieses Spiel fokussiert.

Kannst Du mit Deiner Erfahrung helfen, dass im Team auch im Ernstfall die nötige Lockerheit bleibt?
Höger:
Das versuche ich zumindest. Klar ist, dass ich durch meine Vita vorangehen muss und Verantwortung übernehme. Das mache ich auch gerne. Generell ist es so, dass wir erfahrenen Spieler uns nicht zu wichtig nehmen. Aber wenn wir einmal helfen können, dann machen wir das auch gerne.

Wissen Deine Mitspieler, dass Du Dich nebenbei noch weiterbildest?
Höger:
Auf jeden Fall. Ich erzähle davon ja auch und werbe dafür, neben dem Fußball noch etwas zu tun. Man muss es ganz klar sagen: Es hat nicht jeder so viel Glück, jahrelang in der ersten Liga spielen zu dürfen. Da ist es sinnvoll vorauszudenken. Außerdem ist es auch für den Kopf wichtig. Diese Einstellung wurde mir schon von meinen Eltern mitgegeben. Am Ende des Tages hat man als Fußballprofi auf jeden Fall genug Zeit, um noch ein wenig die Gehirnzellen auf Vordermann zu bringen.

Bei Dir ist es mit Performance Analyse Fußball ja bereits die zweite Weiterbildung nach „Spielanalyse & Scouting". Bist Du einfach wissbegierig oder hast Du bereits einen klaren Plan für die Karriere nach der Karriere?
Höger:
Sowohl als auch. Es interessiert mich einfach und ich denke, dass ich besonders fürs Scouting auch ein Auge habe. Aber ich mache das Ganze auch nicht ausschließlich aus Spaß. Ich denke aktuell schon, dass es nach meiner Karriere in diese Richtung gehen könnte. Mit dem 1.FC Köln gibt es da auch schon erste Gedankenspiele in dieser Hinsicht.

Kannst Du die Inhalte der Weiterbildungen denn auch in Deiner Profi-Praxis wiedererkennen?
Höger:
Da ist schon sehr viel dabei, was ich 1 zu 1 fast jeden Tag auch in meiner Karriere erlebt habe oder erlebe. In den Weiterbildungen gibt es viele Dinge, die besonders in der Spielvorbereitung, der Pre-Match-Analyse eine große Rolle spielen.

Du konntest dem IST treu bleiben trotz räumlichen Wechsels. Ist das Fernstudium auch deshalb so praktisch für Profi-Fußballer?
Höger:
Ohne Zweifel ist das ein wichtiges Argument. Du hast ja im Zweifel nicht nur unterschiedliche Vereine und damit Wohnorte, sondern noch viel häufiger unterschiedliche Trainer. Wenn Du da immer zum Trainer musst, um zu fragen, ob Du zu einer Präsenzphase kannst, dann kann es schonmal vorkommen, dass der Dir den Puls fühlt und sagt ‚Hier brennt der Baum und Du willst studieren?‘.

Und wie fällt die Performance Analyse Waldhof Mannheim bei Dir aus?
Höger:
Das ist gar nicht so einfach. In der Hinrunde lief bei uns sehr vieles sehr gut. Das war schon nah am Optimum. In der Rückrunde haben wir uns schwerer getan. Da spielen auch viele Faktoren rein, die sich nicht so leicht in dieser Hinsicht betrachten lassen, wie auslaufende Verträge zum Beispiel. Aber dass wir am Ende Fünfter werden, hätte vermutlich jeder Waldhofer vor der Saison unterschrieben.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Wer sich für Weiterbildungen im Bereich Fußball interessiert, findet am IST neben „Performance Analyse Fußball“ und  „Spielanalyse & Scouting" weitere, zahlreiche Möglichkeiten:

 

Foto: Copyright Kevin Damrose