09.07.2026


Tag der Lebensmittelvielfalt: Vielfalt beginnt auf dem Teller
Proteinprodukte, pflanzliche Alternativen, nachhaltige Lebensmittelkonzepte: Die Vielfalt in den Supermarktregalen wächst stetig. Gleichzeitig beschäftigen sich immer mehr Menschen mit der Frage, wie sie sich gesund, ausgewogen und nachhaltig ernähren können. Anlässlich des „Tages der Lebensmittelvielfalt“ am 31. Juli haben wir mit IST-Ernährungswissenschaftlerin Anna Hüsing über aktuelle Ernährungstrends, die Bedeutung einer abwechslungsreichen Ernährung und die Herausforderungen einer immer komplexeren Lebensmittelwelt gesprochen.
IST: Der „Tag der Lebensmittelvielfalt“ macht auf die enorme Auswahl an Lebensmitteln aufmerksam. Was bedeutet Lebensmittelvielfalt aus ernährungswissenschaftlicher Sicht?
Anna Hüsing: Lebensmittelvielfalt bedeutet weit mehr als volle Supermarktregale. Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht beschreibt sie die Aufnahme unterschiedlicher Lebensmittelgruppen und verschiedener Lebensmittel innerhalb dieser Gruppen. Eine abwechslungsreiche Ernährung erhöht die Wahrscheinlichkeit, alle wichtigen Nährstoffe in ausreichender Menge aufzunehmen. Deshalb empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ausdrücklich, die Vielfalt des Lebensmittelangebots zu nutzen und regelmäßig unterschiedliche Lebensmittel auszuwählen.
Deutschland verfügt über ein breites Lebensmittelangebot. Warum ist Vielfalt für unsere Gesundheit so wichtig?
Anna: Kein einzelnes Lebensmittel liefert alle Nährstoffe, die der Körper benötigt. Erst die Kombination verschiedener Lebensmittel sorgt für eine ausgewogene Versorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen, Ballaststoffen und sekundären Pflanzenstoffen. Studien zeigen zudem, dass eine vielfältige Ernährung positive Auswirkungen auf das Darmmikrobiom haben kann, das wiederum eng mit Stoffwechsel, Immunsystem und Gesundheit verbunden ist.
Gleichzeitig scheinen viele Menschen von der großen Auswahl überfordert zu sein. Beobachtest Du das auch?
Anna: Ja. Die Auswahl war nie größer als heute. Gleichzeitig fällt es vielen Menschen schwer, Ernährungsinformationen richtig einzuordnen. Soziale Medien, Ernährungstrends und widersprüchliche Empfehlungen können zusätzlich verunsichern. Deshalb wird Ernährungskompetenz immer wichtiger. Wer grundlegende Kenntnisse über Ernährung besitzt, kann Angebote besser bewerten und bewusstere Entscheidungen treffen.
Stichwort „Ernährungstrends“. Welche beeinflussen die Lebensmittelvielfalt derzeit besonders?
Anna: Aktuell beobachten wir mehrere Entwicklungen. Besonders sichtbar sind pflanzliche Alternativen und der anhaltende Proteintrend.
Gerade der Proteintrend hat in den vergangenen Jahren erheblich an Dynamik gewonnen. Proteinreiche Lebensmittel waren lange vor allem im Leistungs- und Kraftsport relevant. Heute finden sich Proteinprodukte in nahezu allen Bereichen des Lebensmitteleinzelhandels. Neben klassischen Eiweißquellen wie Milchprodukten, Fleisch, Fisch, Hülsenfrüchten oder Eiern gibt es mittlerweile proteinangereicherte Joghurts, Brote, Müslis, Puddings, Getränke und Snacks.
Hinter dieser Entwicklung steht zunächst ein nachvollziehbarer Hintergrund. Eiweiß erfüllt wichtige Funktionen im Körper. Es trägt zum Erhalt und Aufbau von Muskelmasse bei, unterstützt zahlreiche Stoffwechselprozesse und kann das Sättigungsgefühl fördern. Vor allem für sportlich aktive Menschen, ältere Personen oder Menschen in bestimmten Lebensphasen kann eine ausreichende Proteinzufuhr besonders wichtig sein.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung weist aber darauf hin, dass die meisten gesunden Erwachsenen in Deutschland ihren Proteinbedarf bereits über die normale Ernährung decken. Zusätzliche Proteinprodukte sind daher häufig nicht zwingend notwendig. Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht ist entscheidend, die gesamte Ernährung zu betrachten und nicht einzelne Nährstoffe isoliert in den Mittelpunkt zu stellen.
Interessant ist außerdem, dass der Proteintrend eng mit anderen Entwicklungen verbunden ist. Viele Hersteller kombinieren ihn beispielsweise mit pflanzlichen Alternativen. So entstehen proteinreiche Produkte auf Basis von Erbsen, Soja, Hafer oder anderen pflanzlichen Rohstoffen. Dadurch erweitert sich die Lebensmittelvielfalt nicht nur hinsichtlich der Produkte selbst, sondern auch hinsichtlich der verfügbaren Proteinquellen.
In sozialen Netzwerken sind Ernährungstrends oft innerhalb weniger Tage allgegenwärtig. Wie sollten Verbraucher:innen damit umgehen?
Anna: Grundsätzlich lohnt es sich, neugierig zu bleiben. Problematisch wird es, wenn einzelne Lebensmittel oder Ernährungsformen als Wundermittel dargestellt werden. Wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen über viele Studien hinweg und nicht durch einzelne Erfahrungsberichte. Deshalb sollten Informationen immer kritisch geprüft und möglichst mit seriösen Quellen abgeglichen werden.
Abschließend gefragt: Was wünschst Du Dir zum „Tag der Lebensmittelvielfalt“?
Anna: Ich wünsche mir, dass die große Auswahl an Lebensmitteln nicht nur als Konsummöglichkeit wahrgenommen wird, sondern als Chance für eine ausgewogene, genussvolle und nachhaltige Ernährung. Vielfalt ist dann besonders wertvoll, wenn sie Menschen dabei unterstützt, bewusste Entscheidungen für ihre Gesundheit und ihre Zukunft zu treffen.
Wer sich tiefergehend mit Ernährungsthemen auseinandersetzen möchte, findet bei uns sicherlich eine passende Weiterbildung.
